Weiterbauen statt abreißen: Aspekte einer nachhaltigen Baukultur
Zum Tag der Umbaukultur der Bundesstiftung Baukultur lenken wir den Blick auf eine zentrale Aufgabe unserer Arbeit als Büro für Architektur und Stadtentwicklung: Wie planen wir Gebäude so weiter, dass sie langfristig nutzbar bleiben? Alles beginnt mit der Bestandsaufnahme: Was existiert bereits, was lässt sich erhalten, und welche Veränderungen sind wirklich nötig?
Im Bestand treffen räumliche Qualitäten, gebundene Ressourcen und die Bedürfnisse heutiger Nutzer aufeinander. Umbaukultur bedeutet mehr als Sanierung. Sie verlangt einen achtsamen Umgang mit dem Vorhandenen und einen weitsichtigen Blick auf die künftigen Anforderungen eines Gebäudes. Fünf Aspekte geben Orientierung.
Gestaltung: Qualität, die bleibt
Ein Gebäude bleibt nachhaltig, wenn es über Jahrzehnte geschätzt und genutzt wird. Architektur muss weder kurzlebigen Trends folgen noch unverändert bleiben. Entscheidend sind zeitlose Gestaltung und Räume, die vielfältige Wohn-, Arbeits- und Lebensformen ermöglichen. Beim Umbau prüfen wir nicht nur, ob eine Lösung heute funktioniert, sondern auch, welche Spielräume sie für morgen bietet. Eine anpassungsfähige Architektur vermeidet Sackgassen und ermöglicht Veränderungen, ohne tief in die Substanz einzugreifen. So wird Gestaltung zum Beitrag gegen vorzeitigen Abriss.
Energieeffizienz: Den Betrieb im Blick
Während der Nutzung eines Gebäudes steht die Reduzierung des Energiebedarfs im Fokus. Eine gute Wärmedämmung mindert Wärmeverluste, effiziente Technik und sparsame Geräte senken den Verbrauch. Für die verbleibende Energieversorgung spielen erneuerbare Energien mit geringer CO₂-Intensität eine zentrale Rolle, etwa Wärmepumpen, die heizen und kühlen können.
Entscheidend ist das Zusammenspiel der Maßnahmen. Gebäudehülle, Energieerzeugung und tatsächlicher Bedarf müssen aufeinander abgestimmt sein. Beim Umbau analysieren wir den Bestand genau. Unser Ziel: eine bedarfsorientierte Versorgung, die mit minimalem Energieeinsatz auskommt und sich im Alltag praktikabel betreiben lässt.
Materialien und Ressourcen bewusst auswählen
Nachhaltigkeit endet nicht beim Energieverbrauch im Betrieb. Auch die Herstellung und Verarbeitung von Baustoffen sowie ihre Bereitstellung erfordern Energie. Diese sogenannte graue Energie fließt in unsere Planung ein. Beim Umbau prüfen wir zuerst, welche Bauteile weitergenutzt werden können. Was erhalten bleibt, muss nicht neu produziert werden.
Wo Ergänzungen nötig sind, zählen mehr als Kosten und Optik. Materialien sollten langlebig, reparierbar und alterungsfähig sein. Eine Oberfläche, die mit der Zeit Patina entwickelt, muss nicht ersetzt werden, sobald Gebrauchsspuren sichtbar werden. Auch lokale Verfügbarkeit und kurze Lieferwege spielen eine Rolle. Recyclingbaustoffe und nachwachsende Rohstoffe schonen Ressourcen. Holz etwa speichert Kohlenstoff.
Baustoffe mit hoher grauer Energie, wie Beton, wägen wir sorgfältig ab. Es geht nicht um pauschale Verbote, sondern um die Frage, welches Material für welche Aufgabe wirklich nötig ist. Ressourceneffizienz bedeutet, vorhandene Qualitäten zu nutzen und neue Materialien gezielt einzusetzen.
Kreisläufe: Den nächsten Umbau mitdenken
Jeder Eingriff heute sollte spätere Veränderungen berücksichtigen. Lassen sich Bauteile ausbauen, Materialien trennen und wiederverwenden? Oder entstehen Verbindungen, die nur gemeinsam entsorgt werden können? Eine kreislauffähige Planung stellt diese Fragen bereits bei der Konstruktion und Materialwahl.
Unser Ziel: Materialien möglichst lange nutzen, auch über ihren ersten Einsatz hinaus. In einer Kaskadennutzung übernehmen sie nacheinander verschiedene Aufgaben. Rückbau ist für uns kein Endpunkt, sondern der Übergang in eine neue Verwendung.
Suffizienz: Das richtige Maß finden
Suffizienz bedeutet nicht Verzicht auf Qualität, sondern eine neue Definition von Qualität – unabhängig von Größe oder technischer Ausstattung. Auch bei Konstruktion und Gebäudetechnik suchen wir nach einfachen, robusten Lösungen. Lowtech und passive Maßnahmen begrenzen Ressourcenverbrauch und Fehleranfälligkeit.
Schließlich beeinflusst das Nutzerverhalten den Betrieb: Raumtemperaturen und Warmwasserbedarf sind ebenso wichtig wie Dämmung und Technik. Nachhaltige Umbaukultur verbindet Gestaltung, Energie, Materialkreisläufe und das richtige Maß. Unsere Aufgabe ist es, Gebäude nicht vorschnell zu ersetzen, sondern ihre Möglichkeiten sorgfältig weiterzuentwickeln.
Jan Kurz ist Architekt und Gründungspartner von STUDIO I STADT I REGION
Die Kernkompetenzen in der Denkmalpflege sieht er als eine der wichtigsten Entwicklungen in der Tragfähigkeit von zukunftsfähigen Bauprojekten. Er verbindet Baugeschichte mit Baukultur, setzt auf ein starkes Netzwerk im Handwerk und die so wichtige Dialogkompetenz mit Behörden, wenn es um Förderung, die Öffnung von Bauplänen und Baurecht geht.
Lesen Sie den Beitrag „Architekturtrends 2027 – Denkmalpflege als Zukunftskompetenz“