Die Denkmalbrille: Zukunft beginnt mit dem genauen Blick

Wer mit der „Denkmalbrille“ auf ein Gebäude schaut, sieht nicht zuerst Defizite, Flächenpotenziale oder technische Kennwerte. Wir sehen handwerkliche Präzision; Konstruktionen, die oft über Generationen funktioniert haben; Material, das längst gewonnen, verarbeitet, transportiert und eingebaut wurde. Also Ressourcen, die man nicht ersetzen, sondern verstehen, pflegen und weiterverwenden sollte.

Dieser Blick prägt unsere Arbeit als Architekten. Wir fragen nicht: Was muss weg? Sondern: Was kann bleiben? Nicht: Wie lässt sich ein Gebäude möglichst schnell an aktuelle Standards anpassen? Sondern: Welche Qualitäten hat es? Und wie lassen sich diese mit heutigen Anforderungen verbinden?

Bauforschung und Baugeschichte sind dafür strategische Werkzeuge. Erst die sorgfältige Untersuchung von Konstruktion, Material, Umbauphasen, Schäden und Nutzungsgeschichte ermöglicht Entscheidungen, die fachlich fundiert, wirtschaftlich sinnvoll und langfristig tragfähig sind. Sie schützt vor vorschnellen Eingriffen. Und sie eröffnet oft überraschende Möglichkeiten für Umbau, Weiterentwicklung und Förderung.

„Denkmalschutz ist eine der anspruchsvollsten Formen von Nachhaltigkeit.“

Jan Kurz, Architekt und Geschäftsführer STUDIO I STADT I REGION

Giebelfassade mit rekonstruierter verandaartiger Verglasung
Johann-von-Werth-Straße Fassadensanierung

Jan Kurz ist Architekt und Geschäftsführer von STUDIO I STADT I REGION. Die Zukunft liegt für ihn in Transformation, Umbau und Denkmalschutz.

Die Kernkompetenzen in der Denkmalpflege ist eine der wichtigsten Entwicklungen in der Tragfähigkeit von zukunftsfähigen Bauprojekten. Er verbindet Baugeschichte mit Baukultur, setzt auf ein starkes Netzwerk im Handwerk und die so wichtige Dialogkompetenz mit Behörden, wenn es um die Förderung und die Öffnung von Bauplänen und Baurecht geht. Mit dem Blick durch die "Denkmalbrille" sieht er die Transformation und den Umbau von Kirchengebäuden und Gemeindearealen, als eine der zentralen Aufgaben der Zukunft. Allein in Bayern sind mehr als 90 Prozent der Gotteshäuser unter Denkmalschutz (Quelle: EKM Evangelische Kirche von Mitteldeutschland).

Die Versöhnungskirche, das angrenzende Gemeindehaus und das separate Pfarrhaus entstanden 1958 und stehen unter Denkmalschutz.
Da die Gemeinde um die Versöhnungskirche weniger Platz benötigt, suchen wir nach neuen Nutzungsmöglichkeiten.

Graue Energie: Das Unsichtbare sichtbar machen

Jedes bestehende Gebäude enthält erhebliche graue Energie: Energie und Emissionen, die für Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport und Einbau der Materialien bereits aufgewendet wurden. Mit einem Abriss verschwindet daher nicht nur ein Gebäude. Verloren gehen auch die gespeicherten Ressourcen, die Arbeit und die Emissionen, die in ihm stecken.

Der europäische Richtungswechsel ist klar: Die Klimabilanz von Gebäuden wird zunehmend über den gesamten Lebenszyklus bewertet – von Herstellung und Baustelle über Nutzung und Instandhaltung bis zu Rückbau, Wiederverwendung und Entsorgung. Ab 2028 soll das Lebenszyklus-Treibhauspotenzial für größere Neubauten verpflichtend berechnet werden. Ab 2030 gilt das für alle Neubauten in der EU. Die Europäische Kommission betont deshalb ausdrücklich das Potenzial von Sanierung, Umnutzung und Konversion. Graue Energie eines Gebäudes ist eine Ressource für seine Zukunft.

„Der nachhaltigste Quadratmeter ist nicht der neu gebaute, sondern der, den wir klug weiter nutzen. Die Zukunft der Architektur liegt nicht den Gebäuden, die alles neu machen, sondern in denen, die zeigen, wie viel Zukunft schon in ihnen steckt.“

Sabrina Witzlau, Architektin und Stadtentwicklerin

Architektin Sabrina Witzlau, Expertin für Bauen im Bestand, rezyklierbares Bauen und digitale Prozesse, sieht im Erhalt grauer Energie eine ihrer zentralen Aufgaben:

“Indem wir graue Energie bewahren, wird Nachhaltigkeit und Klimaschutz fast beiläufig Teil der Bauaufgabe im Denkmal. Es fasziniert mich, den Bestand zu erkunden und gemeinsam mit allen Beteiligten daraus zu lernen. Besonders beim Rückbau auf der Baustelle kommen immer wieder wertvolle Details ans Licht. So entdecken wir zusammen mit Handwerker:innen spannende Ansätze und jahrhundertealte Lösungen im Original."

Goldene Energie: Das Wertvolle bewahren

Goldene Energie beschreibt jene besondere Qualität, die ein Gebäude oder Ensemble vertraut, unverwechselbar und wertvoll macht. Sie liegt in der Patina eines Natursteins, in einer handwerklich gefertigten Tür, in alten Fenstern, historischen Putzen, gewachsenen Raumfolgen und konstruktiven Details. Sie zeigt sich in den Proportionen eines Hauses, in der Atmosphäre eines Treppenhauses und in Gebrauchsspuren, die keine Visualisierung nachahmen kann. Goldene Energie ist kein sentimentaler Luxus. Sie stiftet Identität, Bindung und Akzeptanz. Orte, die Menschen als schön, vertraut und bedeutsam empfinden, werden gepflegt, weitergenutzt und über lange Zeit bewahrt. So wird Schönheit zu einer Frage der Nachhaltigkeit: Was Menschen wertschätzen, reißen sie nicht leichtfertig ab.

„Was Menschen wertschätzen, reißen sie nicht leichtfertig ab. Schönheit ist deshalb eine Frage der Nachhaltigkeit.“

Architektin und Bauleiterin Lea Danzig

Dachausbau im Denkmalgeschützten Haus der Johann-von-Werth-Straße in München
Blick auf die innenliegende Treppe der Wohnung 2 und des anschließenden neuen Balkons © Nina Kirste

Architektin und Bauleiterin Lea Danzig sieht in der “Goldenen Energie” den Schlüssel zu nachhaltiger Architektur:

"Ein Baudenkmal prägt seinen Ort und stiftet Identität. Es steht schon lange da, oft getragen von aufwändigen Fassaden und vielen Details, die ausstrahlen, auffallen und sich – bewusst oder unbewusst – ins Gedächtnis legen. Häuser und Gebäude wie diese erzählen eine Geschichte, bevor wir sie betreten. Wir schauen genau hin. Vor Ort lesen wir den Bestand: Was liegt offen zutage? Welche Spuren hat die Zeit hinterlassen? Welche Bauteile verdienen einen zweiten Blick – und was verbirgt sich dahinter? Wir suchen nach dem, was Substanz hat: nach Bauteilen, Materialien und Oberflächen, die geblieben sind und bleiben dürfen."

Nachhaltigkeit zeigt sich nicht in möglichst vielen Maßnahmen, sondern in der Fähigkeit, genau die richtige Maßnahme zu finden.

Eingangsbereich mit Duchblick in den Garten

Kernkompetenz Handwerk: Wissen, das im Material denkt

Denkmalpflege ist ohne Handwerk nicht denkbar. Die Nähe zu erfahrenen Handwerkerinnen und Handwerkern gehört deshalb zu den wichtigsten Kompetenzen einer zukunftsfähigen Architekturpraxis. Handwerkliches Wissen arbeitet nicht abstrakt. Es liest Material mit der Hand. Es erkennt Fügungen, Alterungsprozesse und Reparaturmöglichkeiten. Es weiß, wann ein Bauteil ersetzt werden muss – und wann eine Instandsetzung sinnvoller, schöner und nachhaltiger ist. Gerade diese Erfahrung ermöglicht den minimalen, aber gezielten Eingriff.

In einer Baukultur, die lange von Standardisierung und Austausch geprägt war, gewinnt diese Haltung neue Bedeutung. Restauratorische Techniken, regionale Materialien, reparaturfähige Konstruktionen und materialgerechte Details helfen, Ressourcen zu schonen und die Eigenart eines Ortes zu bewahren. Zugleich entstehen belastbare Lösungen, die sich nicht allein an kurzfristigen Produktzyklen orientieren.

„Die Erfahrung von Handwerker:innen ist für mich ein unverzichtbarer Teil der Planung – lange bevor die Baustelle beginnt.“

Architekt und Experte für Bauforschung Matthias Wittmann

Architekt Matthias Wittmann ist Experte für historische Bauforschung mit Fokus auf Denkmalpflege und Bauen im Bestand:

"Erfahrene Handwerker spielen eine Schlüsselrolle bei der Planung eines denkmalgerechten Maßnahmenkonzeptes. In der Zusammenarbeit von Architekten, Fachplanern und Denkmalbehörden, bringen sie ihr Wissen über historische Bausubstanz ein, beurteilen die Auswirkungen geplanter Maßnahmen und helfen, Schäden zu vermeiden. Neben Kenntnissen über traditionelle Materialien, die bei der Restaurierung wiederverwendet werden, ist auch ihr Verständnis moderner Baustoffe und ihrer Verträglichkeit mit historischen Konstruktionen entscheidend. Das gilt besonders für energetische Verbesserungen, die bei Sanierungen einbezogen werden."

Zentrum für Baukultur und Handwerk: Machbarkeitsstudie für eine Nachnutzung in Dinkelsbühl
Am Eingang der historischen Altstadt von Dinkelsbühl liegt das städtische Grundstück Feuchtwanger Straße 3. Für diese zentrale Liegenschaft wurde eine überzeugende und dauerhaft tragfähige Anschlussnutzung gesucht. Aus einem Dinkelsbühler Interessenkreis entstand das Konzept „Zentrum für Baukultur und Handwerk“.

Dialogfähigkeit: Erhalt entsteht im Gespräch

Dialogfähigkeit wird für die Architektur von 2027 zu einer Schlüsselkompetenz. Eigentümerschaft, Planung, Fachbehörden, Handwerk sowie Nutzerinnen und Nutzer bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Trotzdem müssen sie zu einer gemeinsamen und tragfähigen Lösung kommen. Die frühe und offene Zusammenarbeit mit Denkmalschutzbehörden ist dabei kein Hindernis, sondern Qualitätssicherung. Sie hilft, Konflikte rechtzeitig zu erkennen, Alternativen zu entwickeln und den Gestaltungsspielraum eines Projekts klug auszuloten.

Denn die großen Aufgaben – energetische Ertüchtigung, Umnutzung, Nachverdichtung, Barrierefreiheit und Klimaanpassung – lassen sich im Bestand nicht mit Standardlösungen beantworten. Sie verlangen Abwägung, Argumentationskraft und das Vertrauen, dass gute Architektur komplexe Interessen zusammenführen kann.

Jan Kurz bei der Besichtigung des Grundstücks und der Gebäude in der Altstadt von Dinkelsbühl. SSR führte die Machbarkeitsstudie für eine Nachnutzung. Wir untersuchten, wie sich dieses Konzept inhaltlich und räumlich im denkmalwürdigen Bestand umsetzen lässt.

Nachverdichtung und Umnutzung vor Neubau

Städte und Gemeinden brauchen Wohnraum, soziale Infrastruktur und neue Arbeitsorte. Die wichtigste Ressource der kommenden Jahre ist das Bestehende: leerstehende Gebäude, überdimensionierte Strukturen, ungenutzte Dachräume, ehemalige Gewerbeimmobilien, brachliegende Flächen und Gebäude mit flexbiblen Grundrissen.

Nachverdichtung und Umnutzung sind deshalb mehr als planerische Werkzeuge. Sie stehen für eine neue Verantwortung für Boden, Material und Baukultur. Sie verbinden den Bedarf an zusätzlichen Flächen mit dem Schutz bestehender Quartiere und Landschaftsräume.

Architekturtrends 2027: Eine Kultur des Weiterbauens

Für Architektinnen und Architekten wird der Blick durch die "Denkmalbrille" zu einer Zukunftskompetenz. Er schult die Fähigkeit, genau hinzusehen, das Notwendige vom Möglichen zu unterscheiden und die vorhandenen Ressourcen in räumliche Qualität zu übersetzen. Er verbindet Klimaschutz mit Baukultur, technische Kompetenz mit Baugeschichte und Nachhaltigkeit mit Schönheit.